Via Ferrata: Klettersteig-Ausrüstung und Schwierigkeitsgrade
Dieser Artikel kann Affiliate-Links enthalten. Wenn du über diese Links einkaufst, erhalten wir möglicherweise eine kleine Provision — ohne Mehrkosten für dich. Das hilft uns, weiterhin kostenlose Inhalte zu erstellen.
Ein Klettersteigset wiegt 500 bis 700 Gramm, der Bandfalldämpfer reißt erst bei einem Sturz aus 4-5 Metern Höhe auf — das System ist auf einen einzigen Sturz ausgelegt, danach muss es ausgetauscht werden. Diese Tatsache verändert die Risiko-Rechnung am Klettersteig grundlegend: Hier zählt jede Bewegung, weil das Sicherungssystem nur eine echte Chance hat.
Die Skala: A bis F und was die Buchstaben wirklich bedeuten
Die Schall-Skala (Kurt Schall, Österreich) hat sich für Klettersteige in den Alpen durchgesetzt und reicht von A (leicht) bis F (extrem schwierig). Sie beschreibt die technische Schwierigkeit der schwersten Stelle, nicht die Gesamtanstrengung oder die Länge des Steigs.
A-Steige sind oft drahtseilversicherte Wanderwege ohne Schwindelfreiheit-Anspruch. B verlangt erstes Hantieren am Seil, kleine senkrechte Passagen. C ist senkrechte Felswand mit Tritten und Eisenklammern — der häufigste Anfänger-Einstieg in ernste Steige. D verlangt überhängende Passagen und gute Armkraft. E und F sind sportliches Klettern am Drahtseil und gehören nicht zum Einsteiger-Universum.
Die deutsche Hüsler-Skala (1-5) ist seltener, aber besonders in Bayern noch verbreitet. Stufe 1 = Schall A, Stufe 5 = Schall D/E. Vorsicht bei italienischen Topos: Dort wird oft KS1-KS5 verwendet, was nicht direkt mit Schall übereinstimmt — KS3 italienisch entspricht etwa Schall C.
Das Klettersteigset: Y-System und Bandfalldämpfer
Moderne Sets folgen der Norm EN 958. Sie haben zwei Karabiner-Arme in Y-Form mit Bandfalldämpfer in der Mitte. Der Dämpfer reißt bei Sturz auf und absorbiert kinetische Energie, indem er sich auf bis zu 2 Meter zieht. Ohne den Dämpfer würde der Sturz aus 4-5 Metern auf das nächste Drahtseil-Auge mit über 18 kN auf den Körper schlagen — fatal.
Du klippst beide Karabiner ins Drahtseil. An jedem Drahtseil-Fixpunkt klippst du einen Karabiner um, lässt aber immer einen am Seil. So bist du nie ungesichert. Wichtig: niemals beide Karabiner aus dem Seil nehmen, auch nicht "kurz". Genau das ist der häufigste tödliche Fehler am Klettersteig.
Karabiner-Verschluss-Systeme variieren: Druck-Verschluss (am häufigsten, schnellste Bedienung) und Zwillingsverschluss mit zusätzlichem Sperrschritt. Für Einsteiger ist der Zwillingsverschluss sicherer — er verhindert versehentliches Öffnen bei seitlichem Anstoß am Fels. Profis bevorzugen oft Druck-Verschluss wegen der Bedienungsschnelligkeit in steilen Passagen.
Helm, Gurt, Schuhe und Handschuhe
Der Helm ist Pflicht — Steinschlag ist auf Klettersteigen alltäglich, besonders wenn andere Gruppen über dir sind. EN-12492-zertifizierte Bergsteigerhelme wie Petzl Boreo, Black Diamond Half Dome oder Mammut Crag Sender wiegen 280-380g und kosten 50-80 Euro. Skihelme oder Fahrradhelme sind nicht zertifiziert für Steinschlag aus großer Höhe.
Der Klettergurt muss EN-12277 (Typ C oder B) entsprechen. Ein Hüftgurt reicht für leichte und mittlere Steige. Bei B-/C-Steigen mit Kindern oder dichtem Rucksack ist ein Brustgurt zusätzlich sinnvoll, um Überschlag bei Sturz zu vermeiden. Bekannte Modelle: Petzl Corax, Mammut Ophir 3 Slide, Black Diamond Momentum.
Schuhe sollten knöchelhoch, mit fester Gummisohle und gutem Trittprofil sein. Reine Wanderschuhe (Meindl Vakuum, Lowa Renegade) gehen — dedizierte Klettersteigschuhe (La Sportiva Boulder X Mid, Scarpa Mojito) haben einen Klettergummi-Rand für Reibung am Fels. Handschuhe (z. B. Petzl Cordex) schützen vor Hitze am Drahtseil im Sommer und vor Mikrokerben am Stahlseil.
Die Tour-Planung: Was du wissen musst, bevor du losgehst
Klettersteig-Tourenführer wie Schall-Verlag (Österreich), Rother oder Bruckmann liefern Topos mit Schwierigkeitsstufen, Dauer, Höhenmetern und Notabstiegen. Die Topos zeigen oft, wo die Schlüsselstellen sind und wie lange die schwerste Passage am Stück ist — entscheidend für die Kraftverteilung.
- Wetterbericht prüfen — bei Gewitter im Klettersteig ist das Drahtseil ein Blitzableiter
- Notabstieg vor dem Einstieg notieren (oft nicht durchgehend möglich)
- Hütten- oder Talzeiten realistisch kalkulieren plus 30% Puffer
- Set, Helm, Gurt vor jedem Tag visuell prüfen (Risse, Bandschäden)
- Karabiner-Schraubverschluss leichtgängig? Schmieren wenn schwergängig
- Erste-Hilfe-Set plus Stirnlampe auch für Tagestour mit dabei
Die Höhenmeter am Klettersteig wirken anders als beim Wandern. 600 hm am Stahlseil entsprechen ungefähr 1.000 hm Wandergelände in Anstrengung. Wer die ersten Steige geht, sollte mit B-/C-Touren unter 400 hm Wandhöhe starten — Dolomitenklassiker wie die "Brigata Tridentina" am Sella oder der "Tabaretta" am Ortler sind solche Einstiegs-Touren auf C-Niveau.
Vergleich: Welches Set für welchen Einsatz
| Modell | Gewicht | Karabiner | Preis |
|---|---|---|---|
| Edelrid Cable Kit VI | 510 g | Druck-Verschluss | 110-130 EUR |
| Petzl Scorpio Eashook | 580 g | Eashook-Auto | 130-150 EUR |
| Black Diamond Iron Cruiser | 490 g | Druck-Verschluss | 100-120 EUR |
| Mammut Tec Step Bionic | 630 g | Zwillingsverschluss | 140-170 EUR |
Edelrid Cable Kit ist der Klassiker für Einsteiger und Allrounder. Petzl Scorpio Eashook hat den schnellsten Auto-Verschluss, ist aber teurer. Mammut Tec Step bietet den sichersten Verschluss für unsichere Hände, kostet dafür mehr.
Sicherheits-Fehler, die Leben kosten
Nicht beidseitig einklippen ist Fehler Nummer 1. Studien des DAV zeigen, dass über die Hälfte der tödlichen Klettersteig-Unfälle in den Alpen auf "kurz mal die Karabiner offen lassen" zurückgehen. Konsequente Regel: bei jedem Drahtseil-Fixpunkt nacheinander umklippen, niemals beide gleichzeitig öffnen.
Bandfalldämpfer einmal gestürzt, einmal weggeworfen. Auch wenn der Sturz "harmlos" wirkte und nur 1 Meter Ausriss erfolgte — die Dämpfung ist verbraucht. Beim nächsten Sturz reißt nichts mehr, du fällst voll in den Karabiner und auf den Gurt. Folge: Wirbelsäulenverletzung oder schlimmer.
Erste Hilfe und Notfall am Drahtseil
Ein Klettersteig-Notfall ist anders als ein Wanderunfall. Wenn ein Mitkletterer am Seil hängt oder gestürzt ist, gilt: ruhig bleiben, ihn beruhigen, Notruf 112 (in Österreich 140 Bergrettung). Sprich klar Standort, Steigname und Schwierigkeitsstufe ans Telefon — die Bergretter brauchen das für die Einsatzplanung mit Hubschrauber oder Bodenrettung.
Bei Sturz mit ausgelöstem Bandfalldämpfer ist die wichtigste Maßnahme, den Verletzten in eine stabile Position zu bringen, ohne weitere Krafteinwirkung auf das Set. Steht der Sturz unter Spannung und der Verletzte hängt, hilft nur die Bergrettung — Selbstbergung am Steilhang ist für Hobby-Klettersteig-Geher praktisch unmöglich.
Das Wichtigste am Ende: Womit du wirklich anfangen solltest
Für den ersten Klettersteig: Edelrid Cable Kit VI plus Petzl Boreo Helm plus Mammut Ophir Gurt — alles zusammen rund 250 Euro und für die nächsten 8-10 Jahre nutzbar. Starte mit B-Steigen wie dem Käthe-Bohl-Steig in Berchtesgaden oder dem Heini-Holzer-Steig in Südtirol, bevor du zu C-Klassikern wie Brigata Tridentina oder Tabaretta wechselst.
Wer mehr investiert, kriegt mit dem Petzl Scorpio Eashook das System mit der schnellsten Bedienung. Wer Kinder mitnimmt: Black Diamond Iron Cruiser plus zusätzlicher Brustgurt ergibt das sicherste Setup für die ersten gemeinsamen Touren.
Veröffentlicht durch die Outdoor Panorama-Redaktion. Veröffentlicht am 29. Juli 2026.
Verantwortlich i.S.d. § 18 MStV: siehe Impressum.
Fehler entdeckt oder ergänzende Erfahrung? korrektur@outdoor-panorama.de
Natur-Tipps für jede Jahreszeit
Wanderrouten, Beobachtungstipps und Outdoor-Wissen – kostenlos und jederzeit abbestellbar.
🎁 Gratis dazu: Naturbeobachter-Guide (PDF)