Höhenkrankheit erkennen: Symptome und Gegenmaßnahmen
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Höhenkrankheit setzt ab 2.500 Metern bei jedem dritten Wanderer ein und unterscheidet zwischen leichten Kopfschmerzen und tödlichem Hirnödem nur 24 bis 48 Stunden. Über 3.500 Metern erkrankt jeder Zweite, über 4.500 Metern fast jeder, der nicht akklimatisiert ist. In den Alpen sind besonders Zugspitze, Dom, Monte Rosa und alle Viertausender betroffen, auch bei Bergbahnfahrten wie zur Aiguille du Midi auf 3.842 Meter trifft die akute Bergkrankheit innerhalb von Stunden zu.
Die Grundursache ist Sauerstoffmangel: Auf 3.000 Metern enthält die Luft 30 Prozent weniger Sauerstoff als auf Meereshöhe. Der Körper reagiert mit gesteigerter Atemfrequenz und Pulsschlag, aber die Anpassung dauert Tage. Wer in 24 Stunden von Hamburg auf 3.500 Meter aufsteigt, läuft Gefahr, egal wie fit er ist. Bergsteiger-Erfahrung schützt nicht.
Die drei Schweregrade der Höhenkrankheit
Die akute Bergkrankheit AMS (Acute Mountain Sickness) zeigt sich mit Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Schlafstörungen. Sie tritt ab 2.500 Metern auf, ist meist harmlos, aber das Frühwarnzeichen für Schlimmeres. Die Symptome ähneln einem starken Kater, wer sie ignoriert und weiter aufsteigt, riskiert die schweren Formen.
Das Höhenlungenödem HAPE (High Altitude Pulmonary Edema) ist die häufigste tödliche Komplikation. Es entwickelt sich meist nachts, mit zunehmender Atemnot, blau-rotem Hustenauswurf und rasselnden Atemgeräuschen. Die Lunge füllt sich mit Flüssigkeit, ohne sofortigen Abstieg endet HAPE in 50 Prozent der Fälle tödlich.
Das Höhenhirnödem HACE (High Altitude Cerebral Edema) ist die zweite tödliche Form. Das Hirn schwillt durch Flüssigkeitseinlagerung an. Symptome: Ataxie (Gangunsicherheit, betrunken wirkender Gang), Verwirrtheit, später Bewusstlosigkeit. Ohne sofortigen Abstieg auf unter 2.500 Meter binnen Stunden tödlich.
Risikofaktoren und Prävention durch Akklimatisation
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Die Aufstiegsgeschwindigkeit ist der wichtigste Risikofaktor. Pro Tag sollten ab 3.000 Metern nicht mehr als 300 bis 500 Höhenmeter Schlafhöhe gewonnen werden. Bergsteiger-Faustregel: "Climb high, sleep low", tagsüber höher gehen, abends tiefer schlafen. Wer mit der Seilbahn ans Jungfraujoch fährt (3.454m) und dort übernachtet, ignoriert diese Regel und erkrankt häufiger.
Genetische Veranlagung spielt eine große Rolle. Manche Menschen kommen problemlos auf 5.000 Meter, andere haben schon auf 2.800 Metern Probleme. Frühere Höhenkrankheiten erhöhen das Risiko bei Folgeaufstiegen. Vorerkrankungen wie Herzschwäche, Lungenerkrankungen oder Bluthochdruck verschärfen die Symptome.
Alkohol, Schlaftabletten und Beruhigungsmittel verstärken Symptome dramatisch, die Atemfrequenz sinkt, der Sauerstoffmangel verschlimmert sich. Wer in der Hütte ein Bier trinkt, riskiert eine schlechtere Nacht und schwerere Symptome am Morgen.
| Höhe | Risiko AMS | Risiko HAPE/HACE | Akklimatisations-Empfehlung |
|---|---|---|---|
| 2.500-3.000m | 15-25% | unter 1% | keine spezielle nötig |
| 3.000-4.000m | 25-50% | 1-2% | 2 Nächte auf 3.000m |
| 4.000-5.000m | 50-75% | 2-5% | 300m/Tag Schlafhöhe max |
| 5.000-6.000m | 75-95% | 5-10% | 200m/Tag, Ruhetage |
| über 6.000m | über 95% | über 10% | Voll-Akklimatisation Pflicht |
Frühwarnsystem: Pulsoximeter und Lake-Louise-Score
Ein Pulsoximeter am Finger zeigt in zwei Sekunden die Sauerstoffsättigung im Blut. Auf Meereshöhe liegt sie bei 96 bis 99 Prozent, auf 4.000 Metern bei akklimatisierten Bergsteigern um 85 bis 90 Prozent. Werte unter 80 Prozent in Ruhe sind ein deutliches Warnsignal, kombiniert mit Symptomen ein klarer Abstiegsgrund. Pulsoximeter für 20 bis 40 Euro gehören mittlerweile in jede Höhenausrüstung.
Der Lake-Louise-Score ist die wissenschaftlich validierte Selbst-Einschätzung der akuten Bergkrankheit. Vier Symptome werden auf einer Skala von null bis drei bewertet: Kopfschmerz, Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit/Schwäche, Schwindel. Werte ab 3 Punkten bei Kopfschmerz-Pflicht zeigen leichte AMS, ab 6 Punkten schwere AMS mit Abstiegsgebot. Die App "Altitude" ermöglicht standardisierte Selbst-Tests morgens und abends.
Gangstabilitäts-Test als Indikator für HACE: Auf einer geraden Linie zehn Schritte Hacke-an-Zehe gehen, wie beim Alkoholtest. Wer dabei wankt oder die Linie verlässt, hat möglicherweise beginnendes Hirnödem und muss sofort absteigen. Dieser Test ist auf jeder Hütte in 30 Sekunden gemacht.
Medikamente: Acetazolamid und Dexamethason
Acetazolamid (Handelsname Diamox) ist das Standardmedikament zur Vorbeugung und Behandlung von AMS. Es beschleunigt die Akklimatisation, indem es die Atemfrequenz erhöht. Dosierung: 125 bis 250 Milligramm zweimal täglich, beginnend ein bis zwei Tage vor dem Aufstieg über 2.500 Meter. Nebenwirkungen sind Kribbeln in Fingern und Lippen, häufiger Harndrang und veränderter Geschmackssinn bei kohlensäurehaltigen Getränken.
Dexamethason ist ein hochwirksames Kortikosteroid, das nur bei schwerer AMS oder als Notfallmedikament bei HACE eingesetzt wird. Es maskiert Symptome ohne die Höhenkrankheit zu heilen, Aufstieg unter Dexamethason ist gefährlich. Beide Medikamente sind verschreibungspflichtig und sollten nur nach ärztlicher Beratung mitgeführt werden.
Pflanzliche Mittel wie Ginkgo, Coca-Tee in den Anden oder homöopathische Präparate haben keine wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit. Wer auf solche Mittel vertraut, riskiert die Verzögerung des notwendigen Abstiegs.
Verhalten bei akuter Höhenkrankheit
Bei AMS-Symptomen: keinen weiteren Aufstieg, mindestens 24 Stunden auf gleicher Höhe ruhen, trinken (3 bis 4 Liter pro Tag), keinen Alkohol. Wenn Symptome trotz Ruhe schlimmer werden, sofort absteigen. 500 Höhenmeter Abstieg verbessern die Symptomatik dramatisch, in den meisten Fällen verschwindet AMS binnen Stunden nach Abstieg auf 2.500 Meter.
Bei Verdacht auf HAPE (rasselnder Atem, blauer Hustenauswurf) oder HACE (Gangunsicherheit, Verwirrtheit) sofort absteigen, koste es was es wolle, nachts, bei Sturm, mit Hubschrauber-Rettung. Jede Stunde Verzögerung erhöht das Sterberisiko. Falls verfügbar: Sauerstoff per Maske geben, Dexamethason verabreichen.
Hyperbarsäcke (Gamow-Bags) simulieren in Höhenlagern den Druck von 1.500 Metern Höhe und können HAPE/HACE-Patienten stabilisieren, bis Rettung eintrifft. Sie ersetzen aber keinen echten Abstieg.
- Ab 3.000m max. 300-500 Höhenmeter Schlafhöhe pro Tag, "climb high, sleep low"
- Kopfschmerzen auf Höhe ernst nehmen, keinen weiteren Aufstieg vor Akklimatisation
- Alkohol, Schlaftabletten und Beruhigungsmittel komplett meiden über 2.500m
- Bei Verdacht auf HAPE oder HACE: sofort absteigen, auch nachts und bei schlechtem Wetter
- 3-4 Liter Wasser täglich trinken, Acetazolamid bei bekanntem Risiko vorab vom Arzt
Worauf es ankommt: Mit Akklimatisation sicher auf die Höhe
Höhenkrankheit ist die einzige Bergerkrankung, die mit reiner Planung verhindert werden kann. Wer Akklimatisations-Tage einbaut, langsam aufsteigt und Symptome ernst nimmt, kommt sicher auf jeden Viertausender. Wer mit dem Wagen zur Margherita-Hütte fährt und gleich am nächsten Tag den Gipfel angeht, erkrankt mit hoher Wahrscheinlichkeit.
Für Anden-Touren und Himalaya-Trekking gehört Acetazolamid in die Reiseapotheke, nach ärztlicher Beratung. Eine Höhentauglichkeits-Untersuchung bei einem alpinmedizinischen Zentrum (in Deutschland u.a. München, Innsbruck, Zürich) gibt vor großen Touren Sicherheit. Bei jedem Anzeichen von HAPE oder HACE gilt nur eine Regel: sofort runter, kein Risiko, keine Diskussion, keine Verzögerung.
Veröffentlicht durch die Outdoor Panorama-Redaktion. Veröffentlicht am 12. Oktober 2026.
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