Campusboard-Training: Kraft für Kletterer
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Wolfgang Guellich hat das Campusboard 1988 erfunden, um die erste 9a der Welt klettern zu können — und seitdem haengt das schlichte Brett mit den Holzleisten in fast jeder ambitionierten Halle. Es trainiert genau das, was im harten Klettern fehlt: Fingerkraft unter dynamischer Belastung und Schnellkraft im Sprung von Leiste zu Leiste. Klingt simpel, ist es aber nicht.
Die Wahrheit hinter dem Mythos: Ein Campusboard ist kein Anfaengergeraet. Wer noch keinen 7a sicher klettert, hat dort praktisch nichts zu suchen — die Verletzungsgefahr für Ringbaender und Sehnenscheiden ist real, und der Trainingseffekt minimal, wenn die Grundlage fehlt. Klettere mindestens zwei Jahre regelmaessig, überschreite die 7a-Schwelle stabil und schliesse die Wachstumsfugen ab, bevor du dich an die erste Leiste haengst.
Dieser Guide zeigt dir, wie du am Campusboard sauber arbeitest, welche Uebungen wirklich Effekt haben und wie du dich vor den klassischen Fehlern schuetzt, die viele in eine Sehnen-Pause zwingen.
Was ein Campusboard überhaupt trainiert
Das Campusboard besteht aus parallelen Holzleisten unterschiedlicher Tiefe (meist 20, 25, 30, 40 mm), die im Abstand von 15-25 cm übereinander an einer leicht überhaengenden Wand angebracht sind. Du haengst dich an die unterste Leiste und arbeitest dich nur mit den Haenden nach oben — keine Fuesse, keine Tritte, keine Hilfe.
Der primaere Trainingsreiz liegt auf zwei Komponenten: maximale Fingerkraft im offenen Griff und Schnellkraft beim dynamischen Wechsel von Leiste zu Leiste. Beides ist im Klettern entscheidend, wenn es um harte Zuege geht, in denen du dich aus einer kleinen Leiste explosiv nach oben druecken musst.
Was am Campusboard NICHT trainiert wird: Ausdauer, Wandlesen, Bewegungsoekonomie, Fusstechnik. Das ist ein reines Krafttool — kein Kletter-Ersatz. Es ergaenzt dein normales Training, ersetzt es nicht.
Die wichtigsten Uebungen vom Einstieg bis Fortgeschritten
Beginne immer mit langsamem Tempo und kontrollierten Bewegungen, bevor du in die Schnellkraft-Variante gehst. Zwei Uebungen bilden das Fundament: das einfache Hochsteigen (Ladder) und das beidhaendige Springen (Bumps oder Doubles).
Beim Ladder steigst du mit gewechselten Haenden Leiste für Leiste hoch — vergleichbar mit einer Strickleiter. Erst bei sauberer Technik auf 25er Leisten gehst du zu Doubles über: Beide Haende verlassen die Leiste gleichzeitig und greifen synchron die naechste. Das ist die explosive Variante und massiv anstrengender.
Fortgeschrittene arbeiten mit dem klassischen "1-4-7"-Schema von Guellich: Eine Hand startet auf Leiste 1, die andere springt auf Leiste 4, die Starthand zieht nach auf Leiste 7. Das ist Trainingsweltklasse-Niveau und braucht Jahre Aufbau. Realistisch für ambitionierte Hobbykletterer ist eher 1-3-5 oder 1-2-3 als Zielsetzung.
| Uebung | Level | Trainingsreiz |
|---|---|---|
| Ladder (langsam, gewechselt) | Einstieg | Fingerkraft, Technik |
| Doubles (1-2-3) | Mittel | Schnellkraft |
| Lock-off Halten | Mittel | Maximalkraft Halt |
| 1-4-7 oder 1-5-9 | Fortgeschritten+ | Explosivkraft |
Aufbau einer sicheren Trainingseinheit
Ohne sauberes Aufwaermen ist Campusboard-Training fast garantiert eine Verletzungsfalle. Plane mindestens 20-30 Minuten allgemeines Aufwaermen ein: lockeres Bouldern an grossen Griffen, Mobilisation der Schultern, leichte Fingeruebungen mit einem Hangboard auf grossen Leisten. Erst danach gehst du ans Brett.
Die eigentliche Campus-Session sollte kurz und intensiv sein: 4-8 Saetze über 20-30 Minuten reichen vollkommen. Jeder Satz besteht aus 2-4 Wiederholungen einer Bewegungssequenz, gefolgt von 3-5 Minuten vollstaendiger Erholung. Lange Pausen sind hier kein Zeichen von Schwaeche, sondern Voraussetzung für maximale Leistung in jedem Satz.
Frequenz: Maximal zweimal pro Woche, mit mindestens 48 Stunden Abstand. Wer dreimal pro Woche ans Campusboard geht, ist auf direktem Weg zur Sehnenscheidenentzuendung — das System braucht Regenerationszeit für Adaption, sonst gibt es nur Schaden.
Die haeufigsten Fehler die zu Verletzungen fuehren
Fehler Nummer eins ist der Crimp-Griff (geschlossener Griff mit Daumen über dem Zeigefinger). Am Campusboard wird ausschliesslich im offenen Griff geklettert, also mit gestreckten Fingergelenken auf der Leiste. Der Crimp belastet die Ringbaender um ein Vielfaches und fuehrt schnell zu Verletzungen.
Fehler Nummer zwei: zu kleine Leisten zu frueh. Starte immer auf den 40-mm-Leisten (oder 30 mm, je nach Brett). Erst wenn du dort ein vollstaendiges Programm sauber klettern kannst, gehst du eine Stufe kleiner. Wer direkt auf 20 mm einsteigt, riskiert Sehnenverletzungen, die monatelang nachwirken.
Fehler Nummer drei: keine Pausen. Campusboard ist Kraft- und Schnellkrafttraining im roten Bereich. Wer Satz an Satz aneinanderreiht, traegt Ermuedung in den naechsten Satz und vermurkst die Technik — und genau dann passieren die Verletzungen.
Wann das Campusboard echten Fortschritt bringt
Realistisch erwarten kannst du nach 8-12 Wochen Campus-Training (2x/Woche) eine messbare Steigerung der maximalen Fingerkraft. Im Klettern zeigt sich das durch sichereres Halten kleiner Leisten in Boulderproblemen und durch mehr Reserve bei dynamischen Zuegen.
Studien aus dem Trainings-Bereich (Lattice Training UK, mehrere Veroeffentlichungen ab 2019) zeigen: Hangboard-Training hat für die meisten Kletterer den größeren Effekt auf reine Maximalkraft als Campusboard. Das Campusboard glaenzt erst, wenn die statische Maximalkraft schon hoch ist und du den Sprung zur dynamischen Leistung machen willst.
Praktisch heisst das: Wer noch nie systematisch Hangboard trainiert hat, sollte dort starten — mit konservativen 7-Sekunden-Haengen auf 20-mm-Leisten, dreimal pro Woche. Nach 6 Monaten und sichtbarem Fortschritt am Hangboard ergaenzt das Campusboard sinnvoll. Vorher ist es Krafttraining ohne ausreichendes Fundament.
Worauf es ankommt: und naechste Schritte
Das Campusboard ist ein Spezialwerkzeug für ambitionierte Kletterer ab der oberen 6c-Schwelle aufwaerts. Wer es richtig nutzt, baut explosive Fingerkraft auf, die im normalen Klettertraining kaum zu erreichen ist. Wer es falsch nutzt, holt sich Verletzungen, die das ganze Klettern für Monate stoppen.
Die wichtigsten Punkte zum Mitnehmen: nur im offenen Griff klettern, mit grossen Leisten starten, maximal zweimal pro Woche, immer mit langer Aufwaermphase, vollstaendige Pausen zwischen den Saetzen. Wer diese fuenf Regeln einhaelt, kann das Campusboard über Jahre als Trainingstool nutzen, ohne sich zu zerstoeren.
Wenn du noch unsicher bist: Frag in deiner Halle nach einem Klettertrainer mit IFSC- oder DAV-Lizenz, der eine Einfuehrung gibt. 60 Minuten betreutes Einsteigen sind besser als sechs Monate Sehnen-Reha.
Veröffentlicht durch die Outdoor Panorama-Redaktion. Veröffentlicht am 8. Juni 2026.
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